Vertrauen

„Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet.
Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat.
Ich entziehe einem Körper das Vertrauen, der nicht mein eigenes Fleisch und Blut, sondern eine kollektive Vision vom Normalkörper darstellen soll.
Ich entziehe einer Normalität das Vertrauen, die sich selbst als Gesundheit definiert.
Ich entziehe einer Gesundheit das Vertrauen, die sich selbst als Normalität definiert.
Ich entziehe einem Herrschaftssystem das Vertrauen, das sich auf Zirkelschlüssen stützt.
Ich entziehe einer Sicherheit das Vertrauen, die eine letztmögliche Antwort sein will, ohne zu verraten, wie die Frage lautet.
Ich entziehe einer Philosophie das Vertrauen, die vorgibt, dass die Auseinandersetzung mit existentiellen Problemen beendet sei.
Ich entziehe einer Moral das Vertrauen, die zu faul ist, sich dem Paradoxon von Gut und Böse zu stellen und sich lieber an ‚funktioniert‘ oder ‚funktioniert nicht‘ hält.
Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollständigen Kontrolle des Bürgers verdankt.
Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. Ich entziehe dem allgemeinen Wohl das Vertrauen, weil es Selbstbestimmtheit als untragbaren Kostenfaktor sieht.
Ich entziehe dem persönlichen Wohl das Vertrauen, solange es nichts weiter als der kleinste gemeinsame Nenner ist. Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularität allein auf das Versprechen eines risikofreien Lebens setzt. Ich entziehe einer Wissenschaft das Vertrauen, die behauptet, dass es keinen freien Willen gebe.
Ich entziehe einer Liebe das Vertrauen, die sich für das Produkt eines immunologischen Optimierungsvorgangs hält.
Ich entziehe Eltern das Vertrauen, die ein Baumhaus ‚Verletzungsgefahr‘ und ein Haustier ‚Ansteckungsrisiko‘ nennen. Ich entziehe einem Staat das Vertrauen, der besser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst.
Ich entziehe jenem Idioten das Vertrauen, der das Schild am Eingang unserer Welt abmontiert hat, auf dem stand: ‚Vorsicht! Leben kann zum Tode führen.'“
– Corpus Delicti

Kommt das bekannt vor?

Aristoteles, „Über die Politik“: „… ferner gehört es“ (zum Wesen der Tyrannis), „dahin zu streben, daß ja nichts verborgen bleibe, was irgendein Untertan spricht oder tut, sondern überall Späher ihn belauschen, … ferner alle Welt miteinander zu verhetzen und Freunde mit Freunden zu verfeinden und das Volk mit den Vornehmen und die Reichen unter sich. Sodann gehört es zu solchen tyrannischen Maßregeln, die Untertanen arm zu machen, damit die Leibwache besoldet werden kann, und sie, mit der Sorge um ihren täglichen Erwerb beschäftigt, keine Zeit und Muße haben, Verschwörungen anzustiften…

Zivilcourage

„Es ist ein weit verbreiteter aber schmerzlich irriger Glaube, dass Zivilcourage nur im Zusammenhang mit welterschütternden Ereignissen bewiesen werden kann. Im Gegenteil, die größte Anstrengung kostet sie oft in jenen kleinen Situationen, in denen die Herausforderung darin besteht, die Ängste zu überwinden, die uns überkommen, wenn wir über unser berufliches Weiterkommen beunruhigt sind, über unser Verhältnis zu jenen, die in unseren Augen Macht über uns haben, über alles, was den ruhigen Verlauf unseres irdischen Lebens stören könnte.“
Joseph Weizenbaum

Denksysteme

Es hat wenig Sinn, Denksysteme über das Wesen der Falle zu entwerfen, wenn das einzige, was man zu tun hätte, darin besteht, dass man ihren Ausgang findet.

Alles andere hat überhaupt keinen Sinn:
Hymnen darüber zu singen, wie sehr man in der Falle leidet,
Gedichte über die Schönheit der Freiheit außerhalb der Falle zu schreiben,
ein Leben außerhalb der Falle nach dem Tode zu versprechen
oder sich zu einem semper ignoramus zu bekennen.

Der Ausgang ist für alle deutlich sichtbar, und dennoch scheint niemand ihn zu sehen. Jedermann weiß, wo der Ausgang ist, und dennoch scheint niemand auf ihn zuzugehen. Mehr noch: wer immer auf den Ausgang zugeht oder auf ihn zeigt, wird für verrückt erklärt. Sobald einer versucht, ins Freie zu gelangen, schlagen sie ihn tot. Nur ganz wenige schlüpfen in dunkler Nacht, wenn alles schläft, aus der Falle heraus.

Es zeigt sich, daß das Problem nicht die Falle ist. Das Problem liegt bei denen, die in der Falle sitzen.
(W. Reich)